The European project «Health workers for all and all for health workers» launched its online collaboration platform (OCT) in March 2014. All  relevant actors and stakeholders are invited to join in for sharing experiences, opinions, suggestions, best practices and proposals on health workforce issues.

Gesundheitsfachkräfte für alle, überall!

Aufruf an europäische Entscheidungsträger: Gesundheitspersonaldecke stärken und nachhaltige Gesundheitssysteme in der Welt

Zusammenfassung

Auf der ganzen Welt fehlen 7,2 Millionen Gesundheitsfachkräfte. Verschiedene europäische Länder werben international ausgebildetes Gesundheitspersonal ab. Eine Praxis, die nicht nachhaltig ist, Ungleichheiten verstärkt und darüber hinaus die Gesundheitsversorgung innerhalb und außerhalb Europas schwächt.

2010 haben die internationale Gemeinschaft und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den „WHO Verhaltenskodex zur internationalen Anwerbung von Gesundheitsfachkräften“ verabschiedet. Der WHO-Kodex setzt bei den Hauptursachen für den Braindrain an.

Trotz des WHO-Kodex liegt ein politischer Konsens zum nachhaltigen Management von Gesundheitspersonal und der Migration von Gesundheitsfachkräften auf regionaler und globaler Ebene noch in weiter Ferne.

Wir rufen hiermit Entscheidungsträger auf europäischer und nationaler Ebene dazu auf, in dieser Frage eine Führungsrolle zu übernehmen und Politikkohärenz zwischen Sektor-Politiken zu schaffen, um einen nachhaltigen Gesundheitspersonalbestand sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas zu bilden. Die Empfehlungen dieses Aufrufs richten sich an EU-Institutionen und Mitgliedstaaten.

Langfristige Planung und nachhaltiger Gesundheitspersonalbestand

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • Planungs- und Prognoseverfahren, wie auch umfassende nationale Strategien für den Gesundheitspersonalbestand zu entwickeln und umzusetzen und eine belastbare Datengrundlage zu schaffen.

Investitionen in Gesundheitspersonal

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • kostengünstige Gesundheitsdienstleistungen – insbesondere Prävention und Grundversorgung – von Budgetkürzungen auszunehmen.
  • Mechanismen für die Gesundheitsfolgenabschätzung der Haushaltspolitik umzusetzen.
  • die Finanzierung von Ausgaben für Gesundheitsversorgung und soziale Belange aus der Nationalen Grundlage zur Defizitbemessung herauszunehmen.
  • Investitionen in das Gesundheitspersonal in den „Reflexionsprozess über moderne, bedarfsgerechte und nachhaltige Gesundheitsversorgung“ einzubeziehen.

Rechte der (zuwandernden) Gesundheitsfachkräfte respektieren

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • zuwandernden Gesundheitsfachkräften gleiche Behandlung und gleiche Rechte zu gewähren.
  • anwerbende Agenturen zu verpflichten, Migrantinnen und Migranten vollständig über ihre Rechte aufzuklären.
  • die Stimmen von Gesundheitsfachkräften bei politischen Entscheidungen auf EU- und nationaler Ebene einzubeziehen.
  • den EU-Gesamtansatz für Migration und Mobilität (GAMM) – und im weiteren Sinne die gesamte zurzeit diskutierte Neue Agenda für Innere Angelegenheiten – entwicklungssensitiv zu behandeln.

Kohärentes Denken und Handeln auf nationaler, regionaler und globaler Ebene

Politik-Kohärenz mit Entwicklungszielen ist eine im Vertrag von Lissabon gesetzlich verankerte Verpflichtung. Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • einen Politik-Kohärenz-Ansatz für die Entwicklung eines nachhaltigen Gesundheitspersonalbestandes innerhalb und außerhalb Europas zu planen und Mechanismen zur Umsetzung zu entwickeln.
  • Der derzeitige Trend zur Reduktion von Gesundheitsbezogener Entwicklungshilfe ist umzukehren.
  • einen politischen Dialog mit den Herkunftsländern von Migrantinnen und Migranten zu entwickeln.
  • Forschung und Politikausgestaltung hin zu praktikablen Kompensationsmechanismen sind zu fördern.
  • das Potenzial der EU-Strukturfonds ist vollständig auszuschöpfen, um die Gesundheits- und Sozialsysteme der EU neu und gerecht auszurichten.
  • die Einhaltung von Verhaltenskodizes zum Schutz der Gesundheits- versorgung ist zu fördern.

Leisten Sie Ihren Beitrag bei der Umsetzung des WHO-Kodex

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • den WHO-Kodex weiter zu verbreiten und zu debattieren.
  • verlässliche Mechanismen der Rechenschaftslegung sind zu entwickeln und umzusetzen.

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Gesundheitsfachkräfte für alle, überall! Aufruf an europäische Entscheidungsträger: Gesundheitspersonaldecke stärken und nachhaltige Gesundheitssysteme in der Welt

Auf der ganzen Welt fehlen 7,2 Millionen Gesundheitsfachkräfte und Europa ist Teil dieses Problems. Die Gesundheitsfachkräftekrise ist eine der größten Bedrohungen für die weltweite Gesundheitsversorgung und sie wirkt sich besonders nachteilig auf die Durchsetzung des Rechts auf Gesundheit in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommensniveau aus.

Verschiedene europäische Länder werben international ausgebildetes Gesundheitspersonal ab. Eine Praxis, die nicht nachhaltig ist, Ungleichheiten verstärkt und darüber hinaus die Gesundheitsversorgung innerhalb und außerhalb Europas schwächt.

Europa kann durch die Umsetzung weltweit verbindlicher Praktiken bei der Anwerbung von Gesundheitsfachkräften auch Teil der Lösung werden. 2010 haben die internationale Gemeinschaft und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Strategieplan für die Entwicklung des globalen Gesundheitspersonals ausgearbeitet. Der „WHO Verhaltenskodex zur internationalen Anwerbung von Gesundheitsfachkräften“ (der WHO-Kodex) setzt bei den Hauptursachen für Migration und Fachkräfteabwanderung (Braindrain), einschließlich der Ausbildung, der Bindung und der Arbeitsbedingungen von Gesundheitsfachkräften sowie deren Vergütung und rechtlicher Stellung an.

Trotz des WHO-Kodex liegt ein politischer Konsens zum nachhaltigen Management von Gesundheitspersonal und der Migration von Gesundheitsfachkräften auf regionaler und globaler Ebene noch in weiter Ferne. Mächtige – aber mitunter kurzsichtige – Interessen stehen dazu im Widerspruch. Sparmaßnahmen beschränken in vielen Ländern die Gesundheitsausgaben und bremsen die Umsetzung von politischen Optionen aus.

Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten müssen in dieser Debatte Entschlossenheit zeigen. Das Gesundheitspersonal ist ein wesentliches Element eines Sozialstaats- und Wohlfahrtsmodells, das die europäische Identität untermauert und auf globaler Ebene aufrechterhalten werden muss. Der WHO-Kodex soll als Rahmen zur Regulierung der gesamten regionalen Personalentwicklung im Gesundheitsbereich sowie zur Stärkung der Gesundheitsversorgung in Europa und auf globaler Ebene herangezogen werden.

Wir rufen hiermit Entscheidungsträger auf europäischer und nationaler Ebene dazu auf, in dieser Frage eine Führungsrolle zu übernehmen und Politikkohärenz zwischen Sektor-Politiken zu schaffen, um einen nachhaltigen Gesundheitspersonalbestand sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas zu bilden. Die Empfehlungen dieses Aufrufs richten sich in diesem Sinne an EU-Institutionen und Mitgliedstaaten.

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Ein Aufruf - fünf Empfehlungen

Dieser Aufruf wurde durch das Europäische Projekt "Health Workers for All and All for Health Workers" (HW4All) lanciert, eine von der Europäischen Union finanziell finanzierten Initiative zivilgesellschaftlicher Organisationen.

Unterzeichnen Sie den Aufruf!

Zuvor müssen Sie sich eventuell als Nutzer/in der Plattform HW4All registrieren.


Der Aufruf wird unterstützt durch:

European Forum for Primary Care
www.euprimarycare.org

European Public Health Alliance
www.epha.org

Equinet: The Network on Equity in Health in Southern Africa
www.equinetafrica.org

Global Health Workforce Alliance
www.who.int/workforcealliance

Health Workforce Advocacy Initiative
www.hwai.org

Medicus Mundi International. Network Health for All
www.medicusmundi.org

(1) Langfristige Planung und nachhaltiger Gesundheitspersonalbestand

Planung, Prognose und Bereitstellung von einheimischem Gesundheitspersonal, ohne auf internationale Anwerbung zurückzugreifen, ist ein entscheidender Faktor für die Entwicklung von zukunftsfähigen Gesundheitssystemen weltweit. Es ist außerdem ein wichtiger Schritt zur Milderung des Braindrains.

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • Planungs- und Prognoseverfahren für Gesundheitspersonal zu entwickeln und umzusetzen. Daran sollen viele Bereiche, Institutionen und Stakeholder beteiligt sein – etwa Berufsverbände und Ausbildungseinrichtungen, Patientenorganisationen und Zivilgesellschaft – und mit Entscheidungsträgern in den Gesundheits- und Ausbildungssystemen zusammenarbeiten.
  • Umfassende nationale Strategien für den Gesundheitsbereich und das Gesundheitspersonal zu entwickeln und umzusetzen. Die Planung muss zum Ziel haben sich auf lange Sicht von der Anwerbung international ausgebildeten Gesundheitspersonals unabhängig zu machen. Hochwertige Ausbildungsprogramme, bei denen der Schwerpunkt eher auf zielorientierter als auf krankheitsorientierter Pflege liegt sind vonnöten.
  • Forschung und Datenverfügbarkeit zu Anzahl und Mobilität von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Gesundheitswesen auf nationaler Ebene stärken. Zur Verbesserung von Kooperation und Datenaustausch auf bilateraler, regionaler und globaler Ebene kann das EU Joint Action Programm zur Gesundheitspersonalplanung und –prognose (EU Joint Action on Health Workforce Planning and Forecasting) als Referenz für Kooperationsplattformen dienen und soll entsprechend weiter verfolgt werden.
 Weitere Informationen: hier klicken.

Prognose, Planung, und Bereitstellung von ausreichendem einheimischem Gesundheitspersonal, ohne auf internationale Anwerbung zurückzugreifen, ist ein entscheidender Faktor bei der Entwicklung von zukunftsfähigen Gesundheitssystemen weltweit und ein äußerst wichtiger Schritt zur Minderung des Braindrain. Da Planung und Ausbildung eines nachhaltigen Personalbestandes die Mobilisierung von Ressourcen und technischer Kompetenz erfordert, ist dies in der Politik kein unbeschwerlicher Weg. Die Bekämpfung der Fachkräfteabwanderung bringt aber sowohl für die Herkunfts- als auch die Zielländer Vorteile. Die Gefahren der Instabilität werden vermieden: Ströme von im Ausland ausgebildeten Gesundheitsfachkräften können in der Tat unbeständig sein, denn sie können versiegen, wenn sich die Bedingungen in den Ursprungsländern ändern. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich Spanien von einem Entsendeland zu einem Empfängerland und wieder zu einem Entsendeland entwickelt. Ähnlich kann der Braindrain aus östlichen und südlichen europäischen Ländern in Länder in Westeuropa in einigen Fällen als ein „Ersatz“ für die Abwerbung aus Drittstaaten gelten.

Schätzungen zufolge werden in Europa bis 2020 insgesamt eine Million Gesundheitsfachkräften fehlen. Dies Zahl kann sich auf zwei Millionen verdoppeln, wenn auch Langzeitpflege und zuarbeitende Berufe berücksichtigt werden. Vielen europäischen Ländern fehlen jedoch immer noch die Mittel zur Bedarfsprognose für Gesundheitsfachkräfte: Indikatoren, Daten und Planungsinstrumente sind nicht immer verfügbar oder werden kaum verwendet. Der „Aktionsplan für die Gesundheitsfachkräfte in der EU“ (Action Plan for the EU Health Workforce) umfasst Maßnahmen zur Förderung der europäischen Zusammenarbeit.

Abgesehen von der Datenlage ist Angesichts dieser neuen Herausforderungen eine Diskussion über die Rolle und den Beitrag von Gesundheitsberufen und die benötigten vielfältigen und unterschiedlichen Qualifikationen für einen Paradigmenwechsel weg von dem alleinigen Fokus auf Behandlung und hin zur Prävention und weg von der Krankheitsorientierung und hin zur Zielorientierung notwendig.


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(2) Investitionen in Gesundheitspersonal

Öffentliche Mittel sind für das Gesundheitswesen eine Notwendigkeit. Ihr Einsatz kann die Personalentwicklung im Gesundheitswesen vorantreiben und positiven Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung nehmen. Beide sind als globales öffentliches Gut zu verstehen. Diese Investitionen helfen Ländern bei der Bewältigung der Auswirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftskrise: Investitionen in Gesundheit und Soziales können die wirtschaftlichen Erholung beschleunigen.

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • kostengünstige Gesundheitsdienstleistungen – insbesondere Prävention und Grundversorgung – von Budgetkürzungen auszunehmen; Gesundheitsversorgung und Gesundheitspersonal müssen ein Bereich verstärkter Investitionen für europäische Länder werden, die sich von wirtschaftlichem Niedergang und der Rezession erholen.
  • Mechanismen für die Gesundheitsfolgenabschätzung der Haushaltspolitik umzusetzen. Gesundheitsminister sollen bei Entscheidungen zu öffentlichen Ausgaben bei Verhandlungen auf nationaler wie auf EU-Ebene an verantwortlicher Stelle mitwirken können.
  • die Finanzierung öffentlicher Investitionen – und zwar insbesondere von Ausgaben für Gesundheitsversorgung und soziale Belange – aus der nationalen Grundlage zur Defizitbemessung herauszunehmen: Dadurch wird gewährleistet, dass die Umsetzung der europäischen Haushaltspolitik der letzten Zeit, einschließlich EU-Six-Pack und Fiskalpakt, nicht zur Verringerung von produktiven Sozialausgaben jenseits jeglichen vernünftigen Maßes führt.
  • Investitionen in das Gesundheitspersonal in den „Reflexionsprozess über moderne, bedarfsgerechte und nachhaltige Gesundheitsversorgung“ einzubeziehen, auf der Grundlage des Ansatzes „Investieren in Gesundheit“ der Europäischen Kommission.
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Im Zusammenhang mit den seit 2009 umgesetzten Austeritätspaketen sind die öffentlichen Gesundheitsausgaben gefallen. Bei den Kürzungen lag in vielen Ländern der Schwerpunkt auf Gehältern und Leistungsprämien für Gesundheitsfachkräfte. Der Druck, kurzfristig Einsparungen zu erzielen, war offensichtlich größer als der Wunsch zur Erlangung langfristiger Verteilungsgerechtigkeit und Effizienz. Die Austeritätspolitik verschiebt das Verhältnis von Investitionen in Ausbildung und Bindung auf der einen zu Abwerbung von Gesundheitsfachkräften auf der andern Seite und trifft damit den WHO-Kodex im Kern: neue Lohndisparitäten entstehen zwischen oder innerhalb von Ländern und verstärken potenziell Braindrain, Fachkräfteabwanderung und die Unbeständigkeit des Gesundheitspersonals.

Eine restriktive Finanzpolitik kann auch Auswirkungen auf die Fähigkeit der EU-Mitgliedstaaten zur Ausbildung und Bindung von nachhaltigem Gesundheitspersonal haben. Letzteres ist ebenfalls eine Kernforderung des WHO-Kodex. Weniger Ausbildung verschärft den ohnehin schon bestehenden weltweiten Mangel noch. Die jüngsten finanzpolitischen Entwicklungen in der EU – wie EU-Six-Pack und Fiskalpakt -, die fast alle EU-Mitgliedstaaten zur weiteren Drosselung öffentlicher Ausgaben zwingen, tun ihr übriges: so werden die Kostenintensiven Gesundheitssysteme und das Gesundheitspersonal in naher Zukunft unweigerlich in den Fokus der Debatte um Sparmaßnahmen rücken. Dies alles erinnert sehr an die Strukturanpassungs-maßnahmen in afrikanischen Ländern in den achtziger Jahren, die zum Abbau der in diesen Ländern bestehenden Gesundheitsdienste führte.

Die Forschung belegt, dass antizyklische öffentliche Ausgaben Länder stärkt, nicht nur in Bezug auf Gesundheitsindikatoren der Bevölkerung, sondern auch im Umgang mit der wirtschaftlichen Krise: Investitionen in Gesundheit und Soziales können zur Beschleunigung der wirtschaftlichen Erholung beitragen.[1]

Letztlich ist die Fähigkeit Europas und seiner Mitgliedstaaten in Zeiten der Krise Gesundheitspersonals ausreichend und nachhaltig bereitzustellen eng verknüpft mit der politischen Fähigkeit finanzpolitischem Spielraum für Gesundheit durchzusetzen. Da die Ressourcen knapp sind, soll dies einhergehen mit progressiverer Besteuerung, der Einführung einer Finanztransaktionssteuer, einem reduzierten Haushalt für Verteidigung und dem Kampf gegen Kapitalflucht und Steuerhinterziehung.


[1] Reeves Aaron, Basu S., McKee M., Meissner C., Stuckler D., 2013, Does investment in the health sector promote or inhibit economic growth? Globalization & Health. 9:43. doi:10.1186/1744-8603-9-43, http://www.globalizationandhealth.com/content/9/1/43

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(3) Rechte der (zuwandernden) Gesundheitsfachkräfte respektieren

Qualifizierte Gesundheitsfachkräfte aus außereuropäischen Ländern haben jedes Recht darauf, ganz gleich, wo sie leben, sich professionell zu entwickeln und eine langfristige Karriere aufzubauen. Ihre Anwesenheit ist  den europäischen Gesundheitssystemen von Nutzen, und ihre Rechte und ihre professionelle Kompetenz verdienen Wertschätzung.

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • zuwandernden Gesundheitsfachkräften gleiche Behandlung und gleiche Rechte zu gewähren – einschließlich Pflegekräften mit Genehmigungen der Entsendung – sowohl bei der Anwerbung als auch der Beschäftigung sowie die uneingeschränkte Portabilität von Sozialversicherungs- und Pensionsrechten.
  • Anwerbende Agenturen sind zu verpflichten, Migrantinnen und Migranten vollständig über ihre Rechte aufzuklären.
  • die Stimmen von Gesundheitsfachkräften bei politischen Entscheidungen auf EU- und nationaler Ebene einzubeziehen. Das muss auch für Migrantinnen und Migranten im Gesundheitswesen, ihre Vertretungsorgane und Gewerkschaften gelten.
  • den EU-Gesamtansatz für Migration und Mobilität (GAMM) – und im weiteren Sinne die gesamte zurzeit diskutierte Neue Agenda für Innere Angelegenheiten – entwicklungssensitiv zu behandeln. Im Falle von hoch wie von gering qualifizierten Arbeitskräften soll die EU gewährleisten, dass bestehende und künftige Mobilitätspartnerschaften, gemeinsame Agenden zu Migration und Mobilität, Programme für zirkuläre Migration, das „Blue Card“-Programm und sonstige relevante Richtlinien und Hilfsmittel sich im Einklang mit dem WHO-Kodex befinden. Sie sollen erleichterte Wiedereintrittsrechte in die EU gewähren und konkrete Anreize für Gesundheitsfachkräfte enthalten, sich – nach ihrer Tätigkeit in der EU – unter guten Voraussetzungen wieder in ihren Ursprungsländern anzusiedeln, einschließlich der Portabilität von in der EU erworbenen Sozialversicherungs- und Pensionsrechten.
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In vielen Ländern wird die Rekrutierung von innerhalb und außerhalb der EU ausgebildeten Fachkräften für den öffentlichen Dienst durch diskriminierende Bestimmungen und/oder Praktiken erschwert. Migrantinnen und Migranten arbeiten dann oft im privaten Sektor, mit befristeten Verträgen, niedrigeren Löhnen und geringerer sozialer Absicherung als ihre Kolleginnen und Kollegen. Dies gilt insbesondere für den grauen Arbeitsmarkt der häuslichen Pflege, in der eine große Anzahl Frauen beschäftigt sind.

Im Ausland ausgebildete Gesundheitsfachkräfte haben, ganz gleich, wo sie leben, jedes Recht darauf, sich professionell zu entwickeln und eine langfristige Karriere aufzubauen. Es muss anerkannt werden, dass ihre Anwesenheit der Gesundheitsversorgung in Europa von Nutzen ist und die hiesigen Systeme  in Form einer „perversen Subvention“ in Form von fertig qualifizierten „Prêt-à-Porter“-Fachkräften ohne Schulungskosten stützt.

Die im EU-Gesamtansatz für Migration und Mobilität (GAMM) empfohlene Einwanderungsregelung sieht vor, der Einwanderung von Fachkräften neue Wege zu öffnen. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass einerseits eine Klasse temporär zugelassener, geringer qualifizierter „Gesundheitsgastarbeiter“ geschaffen wird, die, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, nach Hause geschickt werden oder aber ohne Papiere dastehen. Andererseits sind Programme für hochqualifizierte Gesundheitsfachkräfte wie die „Blue Card“ zu restriktiv in ihren Anforderungen und enthalten keine Anreize, unter guten Bedingungen in die Ursprungsländer zurückzukehren. Schließlich steht auch der Nachweis für den Erfolg von Programmen der zirkulären Migration aus, insbesondere bezüglich des Rechts auf Gesundheit in den Herkunftsländern.

Der Diskurs um die Migration von Gesundheitsfachkräften muss weiter eng mit der Debatte um gute Arbeit und die Stellenprofile in den Gesundheitsdiensten der Zielländern verknüpft werden: Die stetige Verschlechterung von Arbeitsbedingungen kann (wie zum Beispiel in Deutschland) zu hohen Ausfallquoten und geringen Zahlen von Berufseinsteigern in der Pflege führen. Der entstehende Fachkraftmangel wirkt wiederum als Pull-Faktor für im Ausland ausgebildete Gesundheitsfachkräfte und führt zu Migrationsketten.

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(4) Kohärentes Denken und Handeln auf nationaler, regionaler und globaler Ebene

Politik-Kohärenz mit Entwicklungszielen ist eine im Vertrag von Lissabon gesetzlich verankerte Verpflichtung. Im hier diskutierten Schnittfeld zwischen Migration, Gesundheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, Finanz- und Beschäftigungspolitik muss das konsequent Beachtung finden. Einflüsse von inkohärenten Politiken sind zu beseitigen.

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • einen Politik-Kohärenz-Ansatz für die Entwicklung eines nachhaltigen Gesundheitspersonalbestandes innerhalb und außerhalb Europas zu planen und umzusetzen. Die öffentliche Gesundheitspolitik der EU ist mit den Entwicklungszielen abzustimmen und die migrationspolitische Dimension zu berücksichtigen. Klare politische Ziele und konkrete Maßnahmen sind zu entwickeln.
  • Mechanismen zur Umsetzung dieses Ansatzes sind zu entwickeln. Diese sollen interinstitutionell und sektorübergreifend sein und im Rahmen größerer, auf EU-Ebene diskutierter Umsetzungsmechanismen für Politikkohärenz im Entwicklungsbereich erfolgen: Ex-ante-Gesundheitsfolgenabschätzungen von politischen Maßnahmen, ein vom Kommissionspräsidenten ausgeübtes Schlichtungsverfahren, Politiküberwachung und Ex-post-Bewertungen, Multi-Stakeholder-Dialoge auch auf Ebene der EU-Delegationen, ein für Nicht-EU-Akteure offener Beschwerdemechanismus und ein klarer Politiküberprüfungsprozess.
  • der derzeitige Trend zur Reduktion von gesundheitsbezogener Entwicklungshilfe ist umzukehren. Die EU und ihre Mitgliedstaaten sollen gewährleisten, dass 50 % der Hilfen für Gesundheitsmaßnahmen zur Stärkung von Gesundheitssystemen eingesetzt werden. 25 % sind, entsprechend der Empfehlung der WHO, direkt in die Schulung und Bindung des Gesundheitspersonals zu investieren. Die Mittel sind im Rahmen nationaler Gesundheitsplanung und über gesundheitspersonalbezogene Strategien umzusetzen.
  • ein politischer Dialog mit den Herkunftsländern von Migrantinnen und Migranten ist zu entwickeln. Hierbei soll der Verlust von Investitionen und Kompetenzen auf der einen gegenüber dem den Zielländern zuwachsenden Nutzen auf der anderen Seite mit dem Ziel von Kompensationen thematisiert werden.
  • Forschung und Politikausgestaltung hin zu praktikablen Kompensationsmechanismen sind zu fördern. Es ist zu klären, welche Akteure Kompensation erhalten, die Höhe des Schadens, die Logik und die Methoden zur Berechnung sowie die zu wählenden Kanäle für die Entschädigungsfonds.
  • das Potenzial der EU-Strukturfonds ist vollständig auszuschöpfen, um die Gesundheits- und Sozialsysteme neu und gerecht auszurichten und die Verteilung von Gesundheitsfachkräften in der EU zu verbessern. Dies kann durch spezielle Unterstützung für Maßnahmen zur Bindung von Gesundheitspersonal in europäischen Herkunftsländern und den Austausch von bewährten Praktiken zwischen Fachpersonal in Entsende- und Aufnahmeländern erfolgen. Auf nationaler Ebene werden zur Ausschöpfung dieses Potenzials ein langfristiger strategischer Ansatz und ein intensiver Kapazitätsaufbau benötigt.
  • die Einhaltung von Verhaltenskodizes zum Schutz der Gesundheitsversorgung ist zu fördern. Dies soll sämtliche in der Entwicklung tätigen Akteure, wie NGOs und multilaterale Initiativen, die zur Gesundheitssystemstärkung arbeiten einschließen.
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Wie gehen wir mit globalen, durch die Migration von Gesundheitsfachkräften aus armen in reiche Länder verursachten Ungleichheiten im Gesundheitswesen um?

Die Politik-Kohärenz mit den Entwicklungszielen, und damit auch mit den globalen Gesundheitszielen, ist eine im Vertrag von Lissabon verankerte gesetzliche Verpflichtung für die EU und ihre Mitgliedstaaten. Alle hier diskutierten Schnittfelder zwischen Migration, Gesundheitspolitik, Entwicklungszusammenarbeit, und Finanz- und Beschäftigungspolitik müssen zusammen und schlüssig bearbeitet werden.

Fälle von Ungerechtigkeit müssen bekannt gemacht werden: So errechneten Forscher schon in 2006, dass Großbritannien durch die Anwerbung von Gesundheitsfachkräften aus Ghana mehr Geld einspart, als die Gesamtsumme der gesundheitsbezogenen Entwicklungshilfe an Ghana.[1] Es ist entscheidend, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten nicht mit der einen Hand nehmen, was sie mit der anderen geben.

Die Forderung nach Kohärenz beschränkt sich nicht auf Regierungspolitik, sondern muss alle Entwicklungsakteure einschließen. Maßnahmen sind notwendig, um den Braindrain vom öffentlichen zum privaten Sektor anzugehen. Etwa wenn NGOs in Ländern mit niedrigem Einkommensniveau Gesundheitsfachkräfte für ihre eigenen Programme anwerben und damit die besten Fachkräfte aus dem öffentlichen Gesundheitswesen abziehen.

Jenseits der Kohärenz muss es auch um Kompensation gehen. Die Auslagerung der Ausbildungskosten in andere Länder innerhalb und außerhalb der EU sind volkswirtschaftlich als negativer externer Effekt anzusehen. Die Kosten die aus diesem externen Effekt für ärmere Länder resultieren sollen ausgeglichen werden. Dies kann nicht nur durch Entwicklungshilfe, sondern auch durch Kompensationsmechanismen zur Unterstützung der Ausbildungs- und Gesundheitssysteme von Herkunftsländern außerhalb der EU und durch bilaterale Abkommen mit Herkunftsländern von Gesundheitsfachkräften geschehen.

Im Falle der EU – in der freie Mobilität für Gesundheitsfachkräfte bereits Realität ist – müssen Länder mit hohem Einkommensniveau ihre Verantwortung anerkennen. Entschädigungsmechanismen für EU-Herkunftsländer existieren bereits: Die EU-Kohäsionspolitik, die die Programmierung und Bereitstellung von Strukturfonds gestaltet, kann als Instrument zur Ausweitung der Unterstützung für eine gerechte interne Verteilung der Gesundheitsfachkräfte gestärkt werden.


[1] Mackintosh M, Mensah K, Henry, L and Rowson M (2006) Aid, restitution and international fiscal redistribution in health care: implications of health professionals’ migration. Journal of International Development 18, 757-770.

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(5) Leisten Sie Ihren Beitrag bei der Umsetzung des WHO-Kodex

Europäische Entscheidungsträger müssen in der globalen Debatte zu Gesundheitsfachkräften nachdrücklicher Stellung beziehen. Das Streben nach zwischen allen Ländern ausbalancierten Gesundheitssystemen ist in den Mittelpunkt stellen.

Wir rufen die EU und ihre Mitgliedstaaten auf:

  • Die höchsten politischen Ebenen zu adressieren: Leitung und Verwaltung der öffentlichen Hand sind – wo dies noch nicht geschehen ist – auf gerechte Verteilungsmechanismen im Gesundheitswesen auszurichten.
  • den WHO-Kodex weiter zu verbreiten und zu debattieren. Wesentliche Elemente des WHO-Kodex sind in konkrete und durchsetzbare nationale und regionale Rechtsvorschriften zu übersetzen. So ist davon abzusehen Gesundheitsfachkräfte aus Ländern abzuwerben, die selber unter einem kritischen Mangel an Gesundheitspersonal leiden oder aus solchen, wo dies in naher Zukunft der Fall sein kann.
  • verlässliche Mechanismen der Rechenschaftslegung sind zu entwickeln und umzusetzen. Diese sollen Konsultationen mit Stakeholdern auf nationaler und regionaler Ebene sowie transparente Berichterstattung über die Umsetzung des WHO-Kodex auf der Weltgesundheitsversammlung, im Europäischen Parlament und in nationalen Parlamenten umfassen.

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Ein politischer Konsens zum nachhaltigen Management von Gesundheitspersonal und der Migration von Gesundheitsfachkräften auf regionaler und globaler Ebene liegt noch in weiter Ferne. Mächtige – aber mitunter kurzsichtige – Interessen stehen dazu im Widerspruch: Länder, die ihre Gesundheitsversorgung ausbauen (wie Ecuador und die USA) oder die mit dem demographischen Wandel konfrontiert sind (wie Deutschland und Großbritannien), suchen weltweit nach qualifizierten Gesundheitsfachkräften, um eine schnelle und billige Lösung für prognostizierte Engpässe zu erhalten. Andere Länder (wie die Philippinen oder verschiedene afrikanische Länder) priorisieren die zu erwartenden Rücküberweisungen der im Ausland tätigen Gesundheitsfachkräfte. Dies führt zu dem Paradox, dass eine kanadische Provinz mit einem Verhältnis von Pflegekräften zu Einwohnern von mehr als 8 zu 1.000 beteuert, dass dort ein Engpass besteht (und daher von den Philippinen abwerben), während die Philippinen mit einem Verhältnis von 1,7 zu 1.000 versichern, dass sie über ausreichend Pflegekräfte verfügen und daher bereit stehen, um solche nach Kanada zu „exportieren”.

Im Einklang mit der „Rolle der EU in der globalen Gesundheit“ ("The EU Role in Global Health") müssen die EU und ihre Mitgliedstaaten nachdrücklich Stellung beziehen und das Streben nach Gerechtigkeit im Gesundheitswesen sowohl in Herkunfts- wie auch in Zielländern ins Zentrum zu stellen.

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